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Teatrum Perpetuum Mobile
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Teatrum Perpetuum Mobile: „Vier linke Hände“ von Pierre Chesnot
Brillanter Schwung voll Natürlichkeit

Wenn zwei linke Hände Inbegriff der Ungeschicktheit sind, so fragt man sich besorgt, was wohl herauskommt, wenn "vier linke Hände" am Werk sind. Der französische Lustspielautor Pierre Chesnot (Jg. 1935) hat – wahrscheinlich zur Freude der Linkshänder – eine Komödie geschrieben, deren überraschendes Happyend darin liegt, dass zwei Vertreter dieser Spezies Mensch doch noch was Rechtes zustande bringen, obwohl sie sich so ungeschickt wie möglich benehmen – wie vier linke Hände.
Er, Bertrand Lachaume, zwischen 45 und 50, ist Single aus tiefster Überzeugung und zur ganzen Menschheit auf Distanz gegangen: "Die meisten finde ich langweilig, doof und traurig." Sie, Sophie Delassère, wohnt im Stock darüber und ist ebenfalls Single, doch mehr gezwungenermaßen als freiwillig: die Bisherigen haben sich alle verflüchtigt. Eben hat sie mit sich selbst den 40. Geburtstag gefeiert, sich zum Essen eingeladen und sich alles Gute gewünscht. Die Geburtstagsfeier endete im heulenden Elend: Das Testament ist geschrieben, die Tabletten liegen bereit.
Doch da führt eine überlaufende Badewanne zu einer völlig neuen Perspektive: die beiden lernen sich kennen, weil das Wasser, das ihre Badewanne füllen sollte, bei ihm unten gelandet ist. Nun beginnt ein für das Publikum äußerst vergnüglicher und kurzweiliger Zweikampf zwischen Betrand und Sophie, von dem von vornherein klar ist, wie er endet.
Die Hindernisse, die sich dem Ende entgegenstellen, hat der Autor in umwerfende Situationskomik eingebaut und mit intelligentem Wortwitz ausgestattet. Christian Seyr spielt den Misanthropen Bertrand mit wilder Entschlossenheit. Geschickt versteht er es, die vielen kleinen Niederlagen als strategisches Rückzugsgefecht zu verkaufen. In glaubhaften und feinen Nuancen vollzieht sich seine Entwicklung vom Grantler über die Skeptiker bis zum Brautwerber, um als standhafter Zinnsoldat im Hafen der Ehe zu landen.
Ebenso geschmeidig ersetzt Elsa Lamprecht als Sophie ihre nicht ganz ernst zu nehmenden Selbstmordabsichten durch vollen Einsatz der weiblichen Waffenarsenals. Sein durch Eigenbrötelei verkümmerter Jagdinstinkt bestärkt sie in ihrem Eroberungsfeldzug. Beide liefern sich Wortgefechte auf hohem Niveau, mit brillantem Schwung und überzeugender Natürlichkeit.
Die Szenen sind in ihrer und in seiner Wohnung angesiedelt, wobei dem Bühnenbild große Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Die Umbauten überdeckt Pepe Mairginter mit pointiert witzigen sozialphilosophischen Überlegungen zum Status der Singles. Warum er dafür in die Rolle Albert Einsteins schlüpfen musste, wird nicht näher begründet. Zudem hätte die an sich gute Idee einer eingehenden Regiebetreuung bedurft. Regisseur Rolf Parton hat die Komödie mit viel Esprit inszeniert, sie in Details Brunecker Gegebenheiten angepasst. Hübsch ist sein Einfall, den Schluss frei zu gestalten, ohne sich vom Inhalt und von der Sentimentalität der Vorlage allzu weit zu entfernen. Er packte das Familienglück der beiden Spätzünder in ein Video, in dem auch die Kinder von Elas Lamprecht und Christian Seyr mitspielen und das wie im Kino als Filmabspann dient.

Hugo Seyr (sey) – "Dolomiten"/Kultur – Ausgabe vom 11.12.2003

Wir protzen, prahlen, gackern
13 Truppen aus sieben Nationen: Theatertreff feierte zum 8. Mal im Burghof Premiere

Lörrach. Ausgezeichnete Stimmung herrschte bei der Auftaktveranstaltung des Theatertreffs im Burghof. Als einziger in ganz Südbaden findet er in dieser Form statt und kann trotz Krise in der Theaterlandschaft eine große Zuschauernachfrage verzeichnen. Verantwortlich für die Organisation ist das "Nellie Nashorn".
Eindrücklich ist die Internationalität, die vom Theatertreff ausgeht: "Gruezi!", "Bonjour", "Servus zam" dokumentierte, dass aus vielen Ländern Truppen anreisten, um in Lörrach auf die Bühne zu gehen. Theater und Schauspiel sei genauso notwendig wie Essen und Sex, so Vaclav Spirit in einer amüsanten Einführung mit Ingrid Weinmann-Zöllin. Es erlaube der Welt zu entfliehen, oder auch, sich mit ihr auseinanderzusetzen.
Der Theatertreff sei deshalb auch von Bedeutung, weil selten so viele Gemeinderäte im Hause seien, so Kulturreferent Bürgel amüsiert.
Ein " Theaterwunder" sei, was mit dem Festival stattfände. Während die großen Häuser in der Krise steckten, wachse aus der in Lörrach stattfindenden Arbeit das Theater der Zukunft.
Mit "Stuhlgang" des Teatrum Perpetuum Mobile Bruneck aus Südtirol als erster Truppe war großes Vergnügen von vornherein gesichert.
Vier Glatzköpfe mit Brille, Nobelanzug und roter Krawatte inszenierten Geschichten um das Thema "Stuhlgang" und brachen es in unterschiedlichste Motive. Komisch, anrührend, drollig, immer sehr liebenswert gibt sich die Gattung zwischen Clown und Manager, Tattergreis und Jungbrunnen.
Blitzschnell werden Rollen gewechselt, Charaktere gemimt und parodiert. Das Publikum kommt aus dem Staunen, aus Lächeln und Gelächter nicht mehr heraus. In einer Nonsens-Sprache wird unglaublich viel geredet, mit wenig wird viel geschaffen und erzählt. Vor allem das Minenspiel ist es, das so unglaublich ist, und mit dem Urmenschliches verzerrt wir. Cool die Pose, wenn drei Typen miteinander rauchen gehen und nach Marlboro-Art den Rauch in Luft paffen. Skurril die Szene im Pissoir, so alltäglich, so witzig.
Das Lächerlichmachen gelingt auf charmante Art und Weise, es kommt nicht bitter daher, sondern vereint alle auf eine Aussage: So sind wir Menschen halt. Wir protzen, prahlen, wir gackern und sind meistens hoffnungslos komisch.

Dorothea Gebauer - "Oberbadisches Volksblatt - Ausgabe vom 22.10.2004

Vom Zwerchfell ins Großhirn
THEATERTREFF I: Die italienische Gruppe Teatrum Perpetuum Mobile und ihre "Stuhl-Gang"

LÖRRACH. Vier hinreißend schräge Vögel eröffneten am Mittwoch den "Internationalen Theatertreff" in Lörrach. Das "Teatrum Perpetuum Mobile" aus Bozen zeigte sein Stück "Stuhl-Gang", eine skurrile Szenenfolge aus Pantomime und Clownerie. Schmetternde Revuemusik eröffnet das Stück: Ein Mann betritt die Bühne, guckt sich zögernd um, nestelt verlegen an seinen Fingern, grinst. Dann bereitet er die Bühne vor, holt einen Stuhl. Guckt. Rückt ihn zurecht. Guckt wieder. Später entbrennt um den Stuhl eine "Reise nach Jerusalem": zwei Männer im schwarzen Anzug schwingen die Beine, um ja den Platz zu ergattern.
So sind sie, die Protagonisten vom Teatrum Perpetuum Mobile: Ein wenig verklemmt, verschroben. Aber gerade damit treffen sie oft ins Schwarze. Mit genauem Blick nehmen sie die täglichen Gewohnheiten und das Gehabe der Menschen auf's Korn. Da zucken Beine und Hände zur wilden Partymusik, sogar die Augenbrauen wippen im Takt. Da klingelt ein Handy und schon geht es los, das hektische Tasten in Hosentaschen und Jacketts - und dann war es doch das Telefon des Nachbarn, das klingelte. Das alles findet auf einer fast leeren Bühne statt: vier baue Stühle, zwei rechteckige Blöcke als Hintergrund - das genügt.
"Teatrum Perpetuum Mobile" möchte nicht nur das Zwerchfell erschüttern, sondern bis zum Großhirn vordringen. So beschreibt die Truppe sich selbst. Doch lange Zeit reiht sich einfach Gag an Gag, es ist witzig: nicht weniger, aber auch nicht mehr. Richtig klasse wird das Spiel der vier Männer, wenn sie Mimik und Gestik genau einfangen, mit denen Menschen sich begegnen. Immer wieder münden die Szenen in keckerndes Lachen und beredtes Brabbeln. Da kann keiner widerstehen: Das geht ins Zwerchfell und manchmal ins Großhirn. Etwa als vier Ärzte mit vor gereckten Köpfen auf die Bühne trippeln, dicke Fachbücher unterm Arm. Der "Chef" beginnt zu dozieren, er brabbelt, grollt und zischt, dass es eine Freude ist. Dann ein scharfes Wort, ein Ruck des Kopfes - und seine "Assistenten" stecken erschrocken die Köpfe in die Bücher.
Ein anderes Mal stehen die vier Männer nebeneinander bei einem "Geschäft", das für jeden unvermeidlich ist. Jeder ist in sich versunken. Doch plötzlich treffen sich zwei Blicke. Langes Mustern, dann fällt der Groschen: Die Männer stürzen aufeinander zu, schütteln sich die Hände, joviales Gebrabbel setzt ein. Die Herren - vielleicht die Honoratioren der Stadt - haben sich erkannt. Still wird es im Publikum, als sich vier zur Musik wippende Technofans in zitternde Greise verwandeln. Die Truppe beendet ihr Stück mit einer grandiosen Persiflage auf das Bergwandern: Es ist zu schön, wie sie stolpern, sich um die Karte balgen und ehrfurchtsvoll in einen Abgrund schauen - aus dem ihre abgestürzten Kameraden wie durch ein Wunder immer wieder auftauchen.

Regine Ounas-Kräusel - "Badische Zeitung" - Ausgabe vom 22.10.2004

Teatrum Perpetuum Mobile Bruneck: Clowneske Szenenfolge nach Ideen von Christian Seyr
Heiteres, Absurdes, auch Alltägliches

Eine neue Theatergruppe in Bruneck! Ausgerechnet in Bruneck! Da hat wohl jemand nichts anderes im Sinn, als da halbe Dutzend voll zu machen, oder - etwas intellektueller ausgedrückt - nichts anderes zu tun, als Eulen nach Athen zu tragen. Die klassische Bildung muß bemüht werden, schon des Namens wegen: Teatrum Perpetuum Mobile. Eigentlich ein unerreichbares Ziel, denn etwas, das ohne Energiezufuhr dauern arbeitet, gibt es nicht, ist physikalischer (und auch finanzwirtschaftlicher) Nonsens. Weiter bringt der im musikalischen Bereich abgeänderte Begriff, wo er für ein Instrumentalstück steht, das von Anfang bis Ende in raschem Tempo verläuft. Das könnte für eine Theatergruppe als Programm gelten, wenngleich die Anspruchslatte immer noch sehr hoch gelegt bleibt. Und so definiert sich das Teatrum Perpetuum Mobile als "das sich ständig bewegende Theater … in erster Linie der Pantomime und der Clownerie verschrieben". In diesem Sinne ist unbestreitbar der Anfang geglückt, der Einstand gelungen.
Die Idee zur Gründung des TPM dürfte auf Christian Seyr zurückgehen. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Pantomime und ist mit einem Soloabend auf Südtiroltournee gegangen. Auch trägt der Abend eindeutig seine Handschrift.
"Stuhl-Gang", so der Titel der Szenenfolge, erzählt Geschichten ohne Worte. Knapp zwanzig Szenen zeigen Christian Seyr, Kurt Santifaller, Rudolf Beikircher und Peppe Mairginter: meist Heiteres und Absurdes, aber auch Alltägliches und Banales und immer in der besonderen Form der Pantomime, die auf die Sprache als Transportmittel der Kommunikation verzichtet und statt dessen innere und äußere Vorgänge, Eindrücke und Gefühle, Geschehnisse und Situationen durch Gebärden- und Mienenspiel verständlich macht. Körpersprache auf die Spitze getrieben. Palavert wird ausgiebig in "irrationalen Wortfetzen", sozusagen in einer Mischung aus Chinesisch, Kisuaheli und Eskimoisch mit japanisch-französischem Akzent. Dabei genügt eine geeignete Lautfolge, eine entsprechende Gestik, ein bestimmter Tonfall, und man ist dabei, versteht alles, obwohl es eigentlich nichts zu verstehen gibt. Unterstützend wird gezielt ausgesuchte Musik eingesetzt, die Stimmungen schafft und lautmalerisch örtliche Gegebenheiten anzeigt. Der Themen- und Bilderbogen wurde äußerst sorgfältig erarbeitet. Eine Vielfalt von Ideen versorgt ihn mit eine Fülle von Details, die alle zusammen einen professionellen Umgang mit den Möglichkeiten pantomimischer Clownerie verraten. Kaum einmal läßt die Spannung nach, die Szenen werden in Kürze und Knappheit ausgereizt, der Aufmerksamkeit ist keine Atempause gegönnt.. Als Requisiten dienen lediglich vier Stühle, die Bühnenausstattung beschränkt sich auf zwei verschiedene Paneele und eine Holzwand. Die minimalistische Einfachheit aber produziert verblüffende Ergebnisse. "Der Berg ruft" nennt sich die herrlich skurrile Darstellung einer Bergtour von vier Herren, die im Zuschauerraum beginnt und mit einem Knalleffekt hinter besagter Wand endet. Und die letzt Nummer mit vier beweglichen Schaufensterpuppen als "Gastspieler" ist vom Einfall her grandios und von erstaunlicher optischer Wirkung.
Das Teatrum Perpetuum Mobile ist in Bewegung geraten. Es ist zu wünschen, daß es dauernd arbeitet - egal ob mit oder ohne Energiezufuhr. (sey)

"Dolomiten"/Kultur - Ausgabe vom 28.05.2003

Ohne Worte

Sie gehören zu jener seltsamen Spezies von Schauspielern, die sich partout ohne Worte verständigen will: die Pantomimen Christian Seyr und Kurt Santifaller zeigen in Bruneck "Ich will rauss!!"
Wahrscheinlich haben wir die Pantomime in ihrer heutigen Form dem Stummfilm zu verdanken: Kaum anders ist zu erklären, warum moderne Menschen auf ihr effizientestes Kommunikationsmittel verzichten wollen, wenn sie es darauf anlegen, andere Menschen zu unterhalten. Was aus der Not des tonlosen Zelluloids geboren wurde, hat unter anderem mit Laurel & Hardy ungeahnte Höhen erreicht.
Bei dieser großen Tradition des Slapsticks, der Situationskomik, der Clownerie ohne Zirkus, haben auch Seyr und Santifaller für ihre selbst erarbeitete Pantomime die meisten Anleihen gemacht.
Und so wie auch der Stummfilm mehr oder weniger oft auf erklärende Untertitel zurückgriff, um Zusammenhänge zu erklären, für die bloße Gestik oder Mimik nicht ausreichten, so haben auch sie sich einerseits einer genuschelten Zeichentrick-Lautsprache, andererseits einer oft allzu erklärenden Musikauswahl bedient.
Dabei hat das Stück so viel Erklärung gar nicht nötig: Zwei Einbrecher brechen ein, erkennen, daß sie in das falsche Haus eingebrochen sind und schaffen es nicht mehr auszubrechen. Alles, was über die gewollt simple Rahmengeschichte hinausgeht, hat seinen Sinn darin, daß es um zwei Clowns geht, zwei klassische Dumme, die aus jeder möglichen Situation die größtmögliche Katastrophe machen.
Dabei sind sie in diesem Fall oft etwas zu zimperlich, warten ab, wo Entschlossenheit besser wäre, haben es eilig, wo ein Zögern effektvoller gewesen wäre. Viele der Tricks verpassen um ein Haar den Knalleffekt, weil sie zu hastig durchgeführt werden, andere wären bekannt genug, um es bei der Andeutung zu belassen. Auch der sinngebende Zusammenhang der Geschichte sollte deutlicher hervorgehoben werden, für eine bloße Ansammlung von Gags sind diese teilweise nicht neu genug.
Mit einem Wort: Es mangelt an der Regie. Dieses Problem allerdings teilt Christian Seyr mit vielen, vielleicht den meisten Schauspielern, die ihre Stücke selbst erarbeiten, selbst inszenieren und selbst spielen: Es fehlt der Blick von außen, die kritische Distanz.
Das wird auch bei der Musikauswahl deutlich, die eine (allzu) wichtige Rolle spielt - wie viele Motive für die Unterlegung des Stückes verwendet wurden, ist unmöglich abzuschätzen; Tatsache ist, es waren zu viele.
Gewisse Passagen lang bekommt das Ganze den Charakter eines Balletts, was durchaus seinen Reiz hätte, würde das Tonband dann nicht unvermittelt wieder ausgeblendet. Einer der größten Mängel des Stückes ist eben, daß keine klare Entscheidung zwischen den verschiedenen Möglichkeiten der akustischen Verdeutlichung getroffen wurde: zwischen absolut stummer Pantomime, Schauspiel mit Nuschel-Gramelot oder nach Zeichentrickmanier mit Tonbandgeräuschen und Musikuntermalung.
Die Stärken hingegen liegen im Spiel beider Akteure: Das wird besonders im zweiten Teil deutlich, wo die Psychologie etwas subtiler wird und die Szenen immer surrealer (und dadurch poetischer).
Zu wünschen wäre daher Christian Seyr - und Kurt Santifaller, der ebenso davon profitieren würde - mehr Radikalität in der Umsetzung seiner Ideen, weniger Lust an technischen Spielereien und ein absolut vertrauenswürdiger Kritiker-Regisseur.

Michaela Heissenberger - FF-Die Südtiroler Illustrierte

Bunte Irrenhaus-Belegschaft

Ein adrett gekleideter Mann mit Aktenkoffer steht am Straßenrand und versucht sich als Autostopper: Aber es ist zum verzweifeln: Mal geht sein Daumen verloren, mal wird sein Fuß kürzer, mal will die Zunge partout nicht mehr im Mund bleiben. Und dann erst die Tücke der Objekte: Einen Kaugummi wird er ums Verrecken nicht los, ein Fuß klebt auf der Strasse fest. In seiner Panik rasiert er mit einem imaginären Maschinengewehr einem Engel seine Federn weg, die er dann für eine Perücke verwendet, als er sich zu einer aufgetakelten Bordsteinschwalbe aufdonnert. Aber auch das nützt ihm wenig. Und immer wieder geht ein Platzregen nieder, der sein Gemüt etwas abkühlt. Zuletzt entschwebt unser guter Mann mit seinem großen roten Regenschirm in erträglichere Zonen ... Der Pantomime Christian Seyr versteht es, mit seinen Slapstick-Nummern in dem Stück "Guck mal, wer da steht", das er am Samstag im Brunecker Kolpinghaus nach zehn Jahren erneut auf die Bühne brachte, die Phantasie der Zuschauer gehörig anzukurbeln. Was er bietet, ist aber keineswegs bloßer Klamauk, nein, das hat oftmals geradezu eine philosophische Dimension. Selbst für seine unmöglichen Grimassen und unappetitlichen Aktionen (etwa wenn er sich ein faustgroßes Etwas aus der Nase popelt) bekam er immer wieder Szenenapplaus. Seyr hat in Bruneck eine treue Fangemeinde, die weiß, was sie an ihm hat.
Im zweiten Stück des Abends, "Langeweile oder Die Party im Irrenhaus", in dem Seyr selbst nicht mitspielt, aber Regie führt, geht's so zu, wie es der Titel verheißt. Kurt Santifaller, der Partner Seyrs seit Anbeginn, spielt wieder den Mann mit der Brille, der (laut Programmheft und offensichtlich) einer "manischen Brillensäuberungspsychose" frönt. Herbert Mairl als der Mann im Pyjama leidet an einem "statischen Vornübersyndrom" und muß wie Godzilla über die Bühne stapfen - wohl die schwierigste Rolle des Stücks. Ursula Holzer, die Frau im Schlafmantel, schwirrt auf der Bühne herum und trägt ein verzweifeltes Gesicht zur Schau - was Wunder, leidet sie doch an einer "psychohüpfsomatischen Depression". Gaby Walder, die Frau im Leopardenfell und einer "hypertensiven Make-Up-Insuffizienz", kann ihre Finger nicht von der Schminkdose lassen. Peppe Mairginter spielt den Mann mit dem blauen Auge (genauer: Veilchen), hat ein "intrazerebrales Riechmalignom" und schnüffelt deshalb wie ein Köter durch die Gegend. Und Lissi Elzenbaumer mimt eine resolute Oberin, die aber aufgrund eines "irreversiblen Beinschleudertraumas" immer mal wieder die Kontrolle über ihre Gliedmaßen verliert. Dieser bunten Irrenhaus-Belegschaft gerät die Party zu einer Serie überdreht-absurder Szenen. Wie die irre Gang etwa eine tolle Tanznummer in Michael-Jackson-Manier hinlegt, sollte sich allerdings jeder selbst ansehen, dann mit Worten läßt sich das kaum angemessen bechreiben.
Vor zehn Jahren hat Seyr, der sein ausdrucksstarkes Spiel ohne Worte bei Kursen in England perfektioniert hat, die Pantomime auch in Südtirol hoffähig gemacht. Zum Jubiläum präsentierte er nun mit Partnern seine ersten Stücke in einem neuen Kleid. Warum? Seyr im Programmheft: "Neben der Herzensangelegenheit liegen der Entscheidung, diese Pantomime (...) neu aufzulegen, aber auch einige interessante Fragen zugrunde. Mag es auch heute noch gelingen, ohne Requisiten und mit minimalen technischen Aufwand das Publikum zu unterhalten und dessen Phantasie mitspielen zu lassen? Unsere Antwort: Ja. Sind die Ansprüche des Publikums bei der vor zehn Jahren hierzulande noch relativ unbekannten Theaterform gestiegen? Eine schwierige Frage, aber es ist anzunehmen, daß es so ist. Und wie sollte sich mein persönlicher Reifeprozess auf die Inszenierung 1998 auswirken? Seyr ist ohne Zweifel noch besser geworden: Er hat sich die kindliche Lust am Spiel bewahrt, die den meisten Erwachsenen völlig abgeht. Die monatelange, knochenharte Arbeit, die hinter beiden Stücken - die zusammen knapp eineinhalb Stunden dauern - steckt, lässt sich nur erahnen. Die tolle Leistung wurde denn auch mit langem Applaus belohnt, der erst endete, als Seyr als Zugabe mit seinem Federvieh im Duett einen Song von Onkel Satchmo krähte.

Hans Peter Lecher - Tageszeitung - 30.12.1998

Der fehlende Rattenzahn
Erfolg für Christian Seyrs Clownerie "Ich will hier rauss!!"

"Ich will rauss!!" ist der jüngste dramatische Versuch Christian Seyrs, den das "Kleine Theater Bruneck" im Mehrzwecksaal des "Michael-Pacher-Hauses" mit großem Erfolg herausbrachte.
Dem Autor mangelt es nicht an Mut und Selbstbewusstsein: Er ist sein eigener Regisseur und Darsteller des zweiten Einbrechers, zeichnet verantwortlich für Bühnenbild und Tonschnitt und hat die Gesamtleitung (mit Walter Plaickner) inne. Im Programmheft deklariert er tiefstapelnd sein Ziel, dass man nämlich in seinen Texten "keinen tieferen Sinn suchen" dürfe und diese "das Publikum ... unterhalten und den Alltag ... vergessen" lassen wollten. Unterhaltung zuhauf, aber auch ganz schön Hintergründiges und Schauriges, und viel herzerfrischendes Bühnengeschehen, vom Understatement des Theaterzettels blieb nicht mehr viel übrig. Aber dies scheint zum Unterstatement zu gehören.
"Ich will rauss!!" ist ein nicht eindeutig bestimmbares Genre. (Da ich jedoch dem Kind einen Namen geben wollte, entschied ich mich für farcenhafte Burleske. Sollte der Autor über die Namengebung die Nase rümpfen, kann ich nichts machen, aber er soll wissen, daß Rezensenten nach einem poetologischen Fixpunkt langen, um nicht allzu sehr ins Schlingern zu geraten, wenn sie über Theater schreiben).
Die Bühnenhandlung ist simpel, aber ungewöhnlich, daß nämlich zwei Einbrecher mit ihrer Beute nicht mehr den Weg zurück in die Freiheit finden und ihrer kriminellen Kühnheit ins Messer laufen. Diesmal ganz unblutig, und da sprang mich jene "Faust"-Stelle an, die da heißt: "Doch dieser Schwelle Zauber zu zerspalten / Bedarf es eines Rattenzahns", womit ich nicht Goethe als Maßstab heranziehen will, es war lediglich eine persönliche, unbeweisbare Assoziation, welche die Ähnlichkeit der Grundsituation spiegelt. Auf Mephistos Ehre! Ja, eines Rattenzahns hätten die beiden Delinquenten bedurft (erst vermummt, dann in weißen Hemden, in von knallroten Hosenträgern hochgehaltenen Hosen, und mit dicken, froschäugigen Brillen). Und die Ärmsten können sich nicht einmal am eigenen Strick aufhängen.
In diesem Schluß sehe ich jenes tragende, den Text dominierende absurde Moment, wo der Spaß aufhört und die Realität grausam ins Tragische abstürzt: den Einbrechern bleibt als Trost lediglich der sehnsuchtsvolle Blick hinauf zum Strick, der sich nicht haschen lassen will, und der die Rettung wäre, hier wird der Traum zum Alptraum. Um mit heiler Haut davonzukommen, bedürfen die mit reicher Beute angefüllten Delinquenten bloß eines Rattenzahns, die Ratte läßt sich aber trotz Beschwörung nicht erweichen und kommt nicht "hervorgehupft".
Es ist eine Freude zuzusehen, was Christian Seyr und Kurt Santifaller für witzigen Schabernack mit dem Mittel der Pantomime auf den Brettern des Mehrzwecksaales im "Michael-Pacher-Haus", dieser theaterfeindlichen Stätte, treiben, wie sie mit ihrem nonsense-Spiel unentwegt Transparentes verschleiern und Glasklares verdunkeln, wie viel wirblige Aktion sie schaffen, sei es, daß sie in der Truhe wie Hampelmänner agieren, vor Hunger eine Spinne oder ein Goldfischlein delikatessenhaft verspeisen oder auf einer freistehenden, behelflosen Bretterkonstruktion einen schweißtreibenden Balanceakt vollführen, von kindlich-erotischen Empfindungen und Wallungen angesichts einer Venusskulptur geschüttelt werden. Und so weiter und so fort.
Einige technische Pannen (der Tücke der Technik ist niemals ganz beizukommen, paßte jedoch ins absurde des Geschehens) bei der alten und neuen Musik, der alpenländischen und internationalen, den Geräuschen und Lauten, pur oder verfremdet. Mitunter haken sich Seyr und Santifaller bei Becket, Chaplin, Hardy & Laurel unter und gehen mit ihnen im Gleichschritt, manches ist auch Verschnitt, aber andere Stibitzereien verraten eigenständigen Charakter.

Gerhard Riedmann - Zett - 08.03.1997

Alle Wege führen nach Absurdistan
Christian Seyr und Kurt Santifaller zeigen in Bruneck ihr neuestes Stück: "Ich will raus".

Einbrecher haben's schwer: Zumal dann, wenn sie stümperhafte Anfänger sind, wenn sie - trotz Brillen mit fingerdicken Gläsern - kurzsichtig wie Blindschleichen sind, dazu auch noch schwache Nerven haben und gehörig tolpatschig sind. Da kann es leicht passieren, daß sie ins falsche Haus einsteigen und keinen Weg mehr nach draußen finden ...
Das ist die Rahmenhandlung des neuen Stücks des Bruneckers Christian Seyr, das er nun in Zusammenarbeit mit dem Kleinen Theater Bruneck in Szene gesetzt hat. Bereits vor sechs Jahren hat Seyr, der das ausdrucksstarke Spiel ohne Worte bei Kursen in England perfektioniert hat, gemeinsam mit dem Brunecker Naturtalent Kurt Santifaller für pantomimische Abwechslung auf Südtiroler Bühnen gesorgt - und zwar mit der abendfüllenden Pantomime "Heute kein Ruhetag". Jetzt haben die beiden chaotischen Kellner von damals ins kriminelle Fach gewechselt - mit ähnlichem Mißerfolg.
Der Zwangsaufenthalt im Haus läßt schnell Langeweile aufkommen, außerdem plagen die beiden Einsteiger, die wie Comicfiguren gewandt sind, Hunger und Durst. Kein Wunder, daß sie sich in Phantasie- und Wahnwelten flüchten: Die meisten Wege führen nach Absurdistan.
Da müssen selbst die Goldfische dran glauben, um eine Spinne entbrennt ein veritabler Streit, eine stocksteife Alte humpelt wiederholt durch den Raum, die Gipsstatue einer schönen Nackten wird zum Objekt der Begierde und ein Hai umkreist das Haus. Sogar der alte Brettrick, mit dem schon Laurel & Hardy Lacherfolge gelandet haben, muß herhalten (ein- und dieselbe Person trägt ein überlanges Brett an beiden Enden über die Bühne). Schließlich errichten die beiden ein wackliges Bettgerüst, um das Ende des Seils zu erreichen, mit dem einer von ihnen ins Haus gestiegen ist, und welches der einzige Fluchtweg zu sein scheint. Klar, auch das wird ein Reinfall - aber ein artistischer: alle Achtung!
Eine reine Pantomime ist das Stück übrigens nicht: die beiden Einbrecher verwenden eine simple Lautsprache, um ihre Mimik und Gestik zu verstärken; außerdem wird jede Menge Musik eingesetzt, um das Geschehen zu rhythmisieren.
Die reine Spielzeit auf der Bühne beträgt 75 Minuten, für eine Pantomime ist das wohl etwas zu lange. Die beiden Komiker mögen sich noch so sehr ins Zeug legen und alle ihre Mittel einsetzen - im Laufe des zweiten Teils zerfließt das Geschehen auf den Brettern. Ob sie überhaupt noch raus wollen, ist (ihnen) nicht mehr klar.
Trotzdem: Das Publikum klatschte den beiden Mimen auf der Bühne (und der ganzen Mannschaft dahinter) für die ansehnliche Leistung begeistert Beifall. Und als Seyr als Zugabe gemeinsam mit seinem Federvieh auch noch einen Song von Onkel Satchmo zum besten gab, flippten einige geradezu aus. Also: Sehenswert ist das Stück allemal - und das nicht nur deshalb, weil bei uns so selten Pantomime zu sehen ist.

Hans Peter Lercher

Una folla di spettatori alla performance di Christian Seyr
"Pantomime" ed è subito applauso
Si è ripetuto il successo ottenuto in maggio
Sulle scene un personaggio molto caro al pubblico del capoluogo pusterese

È andata in scena nella sala Kolping di Brunico l'ultima replica di "Moderne Pantomime", uno spettacolo ideato ed interpretato da Christian Seyr e dal suo gruppo di attori. Dopo aver portato la rappresentazione in turnée in ben sette centri della provincia e nel capoluogo, Seyr si è ripresentato al pubblico brunicense che attendeva già impaziente di poter assistere allo spettacolo. Nel precedente recital, tenutosi lo scorso 26 maggio, la folla era stata tale,m che il gruppo decise di andare in scena due volte nel corso della stessa serata per non deludere il pubblico convenuto dal centro e dalle valli limitrofe. Anche nella serata di venedì si è registrato il tutto esaurito anzi, alcuni hanno seguito le due ore di spettacolo stando in piedi.
Il programma era articolato in due parti: nella prima Christian Seyr recita da solo, nella seconda un gruppo di giovani autodidatti sotto la regia del "pantomimo" si esibiscono in una libera interpretazione di un'idea di David Glass. Ma veniamo brevemente al contenuto.
Il pantomimo interpreta tutto solo la storia di un giovane di buona famiglia, che si mette in viaggio con il suo ombrello e la valigia. Nonostante l'aspetto impeccabile, per cui ha una vera fissazione, il nostro inglesino dall'immancabile accessorio e dal vestito "fumo di Londra", viene sorpreso dal controllore del treno senza biglietto e quindi scaricato in mal modo a mezza strada. Non gli rimane altra alternativa chetentare di proseguire in autostop, arte questa a lui del tutto sconosciuta. I suoi cimenti non sortiscono l'effetto tanto sperato. Nell'attesa prende a poco a poco coscienza della realtà intorno a sé, vi si trastulla e inizia a lasciarsi portare dalla propria fantasia, inventando personaggi che anche il più crudele ed insensibile automobilista non lascierebbe a piedi. Ma lo scacco del destino è inevitabile. Nemmeno il soccorso dell'ambulanza servirà a farlo proseguire nella direzione voluta. Ma ecco che, coinvolgendo il pubblica nell'azione scenica, il pantomimo si farà trasportare attaccato al suo ombrello da una forte folata di vento, provocato dal soffio del pubblico.
Nella seconda parte ci troviamo in un manicomio. Su un palcoscenico invasa da palloncini multicolori si muovono cinque personaggi stereotipi, ognuno fissato nella propria follia, alienati, incapaci di comunicaretra di loro e di vedere la realtà che li circonda. Una musica melensa e suadente li precipita in questo clima di trance. D'improvviso una energia sorvegliante irrompe sulla scena, facendo squillare una tromba marziale. La vita del nosocomio impone certi ritmi.
Ma appena la nurse è riuscita, si ode una musica rock: tutti si scatenano all'unisono, ballando come un ben allenato gruppo rock. Ricompare la sorvegliante al suono della musica melensa, ed ecco tutto ritorna come prima: ognuno viene preso dalla propria monomania, dall'assillo di pulirsi gli occhiali da sole, da quello del proprio aspetto bellissimo e truccato, e così via. Infine, entrata dopo un subitaneo incidente, la nurse farà svenire tutti danzando lei stessa i ritmi rock come una forsennata.
Ma chi è Christian Seyr, il pantomimo al quale sono andati gli applausi entusiastici del pubblico, e per la sua esibizione e per la regia dell'ultimo brano?
Personaggio ormai noto a tutti i brunicensi per la sua intensiva attività teatrale, che lo ripropone ogni anno in una veste, se non nuova, più rifinita, Christian è nato a Brunico nel 1962. Si è distinto già in età scolare per la sua forte propensione a calcare le scene. Dell'83 è il suo debutto in uno spettacolo pubblico di rilievo. Ma la sua vera passione è fare il mimo e si esibisce in diverse scene, oltre ad essere sempre attivo come attore, interpretando ruoli vari per la Volksbühne e "Kleines Theater Bruneck". Nell'87 ha frequentato la "Desmond School of mime" a Londra, in cui si è perfezionato non come mimo tradizionale, con il vito imbiancato, ma come pantomimo, espressione questa, meno rigida e tradizionale.
I risultati stilistici di questo studio, abbinati con un naturale atteggiamento istrionico e la padronanza dello spazio scenico hanno decretato il grande successo di pubblico di venerdì scorso.

(dpa) - Alto Adige

 

 
 
 
 
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